Tagungsbericht „Militär und Zeit in der frühen Neuzeit?“, 10. / 11. September 2015

Am 10 und 11. September 2015 fand an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf eine Tagung zum Thema „Militär und Zeit in der frühen Neuzeit?“ vom Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit statt. Der folgende Tagungsbericht bezieht sich nur auf den zweiten Tag.

Der Tag begann mit einem Vortrag, ausgearbeitet von Anke Fischer, die leider nicht persönlich anwesend sein konnte, aber kompetent vertreten wurde. In dem Vortag „,Zeit-Not‘: Zeit als Problem und Instrument im Belagerungskrieg des 17. Jahrhunderts“ wurden am Beispiel vom (heute) belgischen Ostende die Probleme von Zeit bei Belagerungen erörtert. Mit anschaulicher Sprache verbildlichte Fischers Vortrag die Situation der Stadt Ostende im 17. Jahrhundert als eine Stadt, die bis zur beinahe vollständigen Vernichtung belagert wurde. Eine Belagerung zielte darauf ab, die Zeit der Überlebensfähigkeit einer Stadt zu minimieren, indem jegliche externen Zugänge blockiert wurden. Ohne Einfuhr von Lebensmitteln konnte eine Stadt im 17. Jahrhundert nur eine begrenzte Zeit lang überleben. Die Mechanismen, die zu der Belagerung führten und die notwendig waren, um die Belagerung von Ostende aufrecht zu erhalten, wurden deutlich gemacht.

Nach einer Kaffeepause folgte Sven Petersens Vortrag „Schleier der Nacht: Militärisches Handeln im Kontext von Nacht und Dunkelheit im 18. Jahrhundert“. Petersen formierte seinen Vortrag um die Belagerung Freiburgs im Breisgau 1713 und erläuterte anhand dieses Beispiels die Nutzung der Nacht und ihrer Attribute. Zuerst wurde herausgestellt, dass die Nacht in der Literatur, insbesondere in Augenzeugenberichten und Tagebüchern, negativ konnotiert wurde. Dies ließe sich mit der Aussage „alles schlechte und tödliche geschah des Nachts“ zusammenfassen. Genau dieser Satz beschreibt aber auch sehr gut die Vorteile der Nacht aus militärischer Perspektive. Die Nacht ist eine Zeit der militärischen Möglichkeiten: Es ist kalt, es ist dunkel, die Aufmerksamkeit schwindet, die Perzeptionsfähigkeit sinkt, die Verteidigungsmöglichkeiten sind geringer, die Müdigkeit ist hoch und die Stärke einer Armee verringert sich durch eine hohe Anzahl an schlafenden Soldaten. Selbstverständlich trifft all dies auch auf die angreifende oder belagernde Streitkraft zu. Aber: Wer den Angriff in der Nacht plant, kann sich dementsprechend strategisch darauf vorbereiten und Vorkehrungen treffen. Angriffe während einer Belagerung wurde oft nachts ausführt. Die Dunkelheit hat Truppenbewegungen verdeckt und den Überraschungsmoment sichergestellt. Ein nächtlicher Angriff bedeutete zwar einen größeren Aufwand, war aber öfters von Erfolg gekrönt, als ein Angriff tagsüber.

Petersen ging des Weiteren auf die Frage von Deserteuren im 17. und 18. Jahrhundert ein. Im Falle der Belagerung von Freiburg 1713 gab es sowohl Soldaten, die von den Belagerern zu den Freiburgern überliefen, als auch umgekehrt. Auf welcher Seite es damals mehr Deserteure gab, bei den Angreifern oder bei den Verteidigern, hing maßgeblich vom Verlauf der Belagerung ab. Hatte es den Anschein, dass die Belagerung nicht mehr lange aufrecht erhalten werden konnte, so ergab es Sinn, zu den Freiburg überzulaufen. Deserteure suchten ebenfalls den Schutz der Nacht, um sich von ihrer Truppe abzusetzen; das Risiko erkannt und festgenommen zu werden war geringer. Außerdem hatte man mehr Zeit, sein Vorhaben umzusetzen, denn so wurde man erst beim morgendlichen Appell vermisst.

Der letzte Vortrag kam von Anja Schumann. Besonders interessant daran war die Aussage, wonach schon in der frühen Neuzeit die Annahme allgegenwärtig gewesen sei, dass sechs Stunden Schlaf pro Nacht in einem geregelten Rhythmus ideal sind. Die Nacht war – durch die Dunkelheit – dabei am attraktivsten für eine Ruhe- und Schlafphase. Wie wir aber bereits vorher gehört hatten, wurde die Nacht militärisch gerne anders genutzt. Es musste ein Schicht-Schlaf-System gefunden werden, das für eine konstante Abdeckung an Truppensoldaten im Lager sorgte. Das bedeutete auch, dass nicht jeder Soldat nachts immer sechs Stunden Schlaf bekommen konnte. Die Theorie wich also, schon damals, stark von der Praxis ab. Schlaf während der Dienstzeit wurde hart bestraft. Die Fähigkeit lange auf Schlaf verzichten zu können wurde als ehrbar und erstrebenswert wahrgenommen. Wachsamkeit wurde mit einer höheren Priorität ausgestattet als Schlaf. Obwohl Schumann ihre Thesen und Erkenntnisse auf ausgewählte Fallbeispiele stütze, sei darauf hingewiesen, dass diese Fallbeispiele nicht unbedingt eine generelle Aussage über Schlaf und Ruhe im Militär in der frühen Neuzeit zulassen. Als besonders erwähnenswert an diesem Punkt erscheint das Beispiel, dass Friedrich der Große seine Soldaten zum Schlafen schickte und dadurch eine Schlacht verlor, sowie die Verweise auf die Foltermethode des Schlafentzuges, welche (damals wie heute) gerne verwendet wurde.

Die Atmosphäre auf der Tagung war während des gesamten zweiten Tages, auf den sich dieser Bericht bezieht, durchweg freundlich, entspannt und fast ein wenig familiär. Die Referenten selbst scherzten während der Pausen, dass es sich anfühle wie bei einem „Klassentreffen der Militärgeschichte“, ohne auch nur im geringsten an Wissenschaftlichkeit einzubüßen. Der Besuch der Veranstaltung hat sich auf jeden Fall gelohnt und einen inhaltlichen Mehrwert geboten. Ein Besuch weiterer Tagungen des Arbeitskreises Militär und Gesellschaft in der frühen Neuzeit lässt sich empfehlen.

Bericht von Dina Nordhoff

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Über War & Conflict Studies

Fachschaftsrat War and Conflict Studies & Military Studies, Universität Potsdam
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